Authentisch sichtbar sein: Was ich als Personenmarke teile – und was nicht
Shownotes
Du zögerst vor dem Klick auf »Veröffentlichen«? Weil du dich fragst: Darf ich das teilen? Oder wirkt das unprofessionell? Überfordere ich damit meine Kund:innen?
Genau diese Fragen habe ich mir vor zwei Jahren gestellt, als ich meine Folge über Angst, Zwang und Anorexie veröffentlicht habe. Heute bekomme ich regelmäßig Feedback, dass genau diese Episode Mut macht.
Doch Authentizität im Marketing ist kein Freifahrtschein fürs Oversharing. Es geht nicht darum, alles zu zeigen, sondern das Richtige zur richtigen Zeit. In dieser Folge verrate ich dir, wie ich mit einer einfachen Regel entscheide, welche Themen in mein Marketing gehören – und welche besser privat bleiben.
In dieser Folge erfährst du:
- warum authentisch sichtbar sein nicht bedeutet, alles preiszugeben,
- wie ich zwischen Wunden- und Narben-Themen unterscheiden (und warum das der Schlüssel zu gelungener Authentizität ist),
- wann persönliche Geschichten mein Marketing stärken – und wann sie es untergraben,
- welche eine Frage mir sofort Klarheit gibt, ob ich ein Thema teilen soll oder nicht.
Für wen ist diese Folge? Kreative Selbstständige, Solopreneur:innen und alle, die sich als Personenmarke positionieren wollen – ohne dabei in die Falle des Oversharings zu tappen oder ihre Professionalität zu verlieren.
Ressourcen-Tipp: Die Metapher der Wunde vs. Narbe (von der US-amerikanischen Podcasterin Amy Porterfield) hilft mir, in Sekunden zu entscheiden, was ich öffentlich teile – und was nicht.
Und hier kannst du in die erwähnte Folge 110 reinhören.
Alle Infos zur Folge #201 inklusive Links und einem kompletten Transkript findest du in den Shownotes.
Im Portfolio-Podcast erfährst du, wie du mit deiner kreativen Arbeit gut zu dir passende Aufträge akquirierst, und wie du dafür sorgst, dass dein Herz weiterhin für deine kreative Arbeit brennt – auch mit dem ganzen Brimbamborium, den der Berufsalltag von selbstständigen Designer:innen und Illustrator:innen so mit sich bringt.
Dr. Franziska Walther ist selbst Designerin, Illustratorin und Autorin – und Expertin für Positionierung und Akquise in der Kreativwirtschaft. Sie unterstützt seit über 15 Jahren Menschen dabei, sich in der Kreativwirtschaft nachhaltig zu positionieren und wirksame Akquise zu machen.
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*Disclaimer: Der Podcast will und kann eine rechtssichere, psychotherapeutische oder medizinische Beratung nicht ersetzen. Die hier geteilten Inhalte basieren auf meinen persönlichen Erfahrungen und sind konkrete Einzelfall-Beschreibungen. Deshalb hafte ich nicht für die hier geäußerten Inhalte. Die zur Verfügung gestellten Informationen begründen auch kein Beratungsverhältnis. Bitte triff deine Entscheidungen für dich selbst und hole dir im Zweifelsfall rechtliche oder andersweitige Unterstützung. Die gesammelten Informationen spiegeln den Stand des Veröffentlichungsdatums wider.
Transkript anzeigen
00:00:00: Dr. Franziska Walther: Zögerst du manchmal, bevor du einen Post veröffentlichst? Fragst du dich dann: Darf ich das teilen oder wirkt das unprofessionell? Oder überfordere ich damit vielleicht sogar meine Kund*innen? Als ich vor zwei Jahren die Portfolio-Podcastfolge Nummer 110 über meine eigene Vergangenheit mit Angst, Zwang und Anorexie veröffentlicht habe, habe ich mich genau das gefragt. Heute bekomme ich regelmäßig Feedback, das diese Folge Mut macht.
00:00:27: Dr. Franziska Walther: Und genau das zeigt ja: Es lohnt sich, ehrlich die eigenen Erfahrungen zu teilen. Insbesondere, wenn du dich als Personenmarke positionieren willst. Aber ich weiß heute auch: Authentisch sichtbar sein heißt nicht, alles preiszugeben, sondern das Richtige zur richtigen Zeit sichtbar zu machen. In der heutigen Folge zeige ich dir deshalb, welche Themen in dein Marketing gehören und welche nicht.
00:00:54: Dr. Franziska Walther: Und wie du das mit einer einzigen, ganz einfachen, klaren Regel entscheiden kannst. Und in diesem Sinne: Herzlich willkommen im Portfolio-Podcast. Hier erfährst du, wie du mit deiner kreativen Arbeit gut zu dir passende Aufträge akquirierst und wie du gleichzeitig dafür sorgst, dass dein Herz weiterhin für deine kreative Arbeit brennt. Auch mit dem ganzen Brimbamborium, den der Berufsalltag einer kreativen Selbstständigkeit so mit sich bringt.
00:01:25: Dr. Franziska Walther: Ich bin Franziska Walther und jetzt geht’s los. Bevor wir starten, möchte ich dich hier gleich zu Beginn mal was fragen: Welches Thema traust du dich denn bisher nicht zu teilen? Aus Angst, es könnte zu viel oder zu unprofessionell wirken? Hör mal kurz rein. Hast du’s? Okay. Dann lass uns loslegen mit der Folge. Wenn du den Portfolio-Podcast schon eine Weile hörst, dann erinnerst du dich vielleicht noch an die Folge Nummer 110.
00:01:54: Dr. Franziska Walther: Die heißt »Ja, ich auch! Eine Geschichte über Selbstständigkeit mit psychischen Problemen« und kam im April 2024 heraus, also vor zwei Jahren. In dieser Folge erzähle ich über meinen Weg als Teenager raus aus der Magersucht und wie Ängste und Zwänge mein Leben als junge Erwachsene bestimmt haben und auch heute noch ab und an beeinflussen. Ich habe sehr lange über diese Folge nachgedacht, darüber, ob ich sie machen will. Denn ich wusste, dass es herausfordernd werden würde, das Thema so zu beleuchten, dass es den richtigen Ton trifft und niemanden überfordert oder triggert.
00:02:31: Dr. Franziska Walther: Ich habe mich auch gefragt, ob ich das überhaupt teilen soll und wenn ja, warum. Wenn du dich als Personenmarke positionierst, dann wird dich diese Frage »Was zeige ich von mir?« regelmäßig begleiten. Denn als Personenmarke sprichst du nicht nur deine Angebote aus, sondern du zeigst auch dich. Und das machst du, indem du Haltung beziehst, weil es dir wichtig ist, deine Werte aktiv zu vertreten und bestimmte Themen sichtbar zu machen.
00:02:58: Dr. Franziska Walther: Und ja, das Ganze lohnt sich. Denn wenn du das machst, dann bist du nicht nur für deine kreative Arbeit bekannt bei deinen Kund*innen und in der Kreativbranche, sondern auch für deine Haltung, deine Werte und deine Themen. Und über kurz oder lang wirst du dann dafür auch gebucht werden. Dass eine Positionierung als Personenmarke für viele kreative Selbstständige eine wirklich sinnvolle Sache ist, hat sich langsam herumgesprochen.
00:03:27: Dr. Franziska Walther: Deshalb landet auch immer regelmäßiger die Frage bei mir, wie das denn funktioniert, dieses sich authentisch zeigen. Denn da stecken ja so ein paar Folge-Fragen drin. Zum Beispiel: Wenn ich mich authentisch zeigen will, zeige ich dann alles? Zeige ich mich dann auch mit all meinen Ecken und Kanten, sozusagen mit Licht und Schatten und auch mit all den emotionalen Rucksäcken, die ich so mit mir herumtrage?
00:03:51: Dr. Franziska Walther: Zeige ich das auch? Muss ich das zeigen? Und wenn ja, wie zeige ich das? Und ja, das sind wichtige Fragen, für die es zwar keine allgemeingültigen Antworten gibt, aber so ein paar Guidelines, die dir dabei helfen, hier klare und gut zu dir passende Entscheidungen zu treffen. Und darum soll es heute gehen. Aber lass uns zuallererst mal ganz am Anfang starten, mit der Frage: Was bedeutet überhaupt authentisch?
00:04:19: Dr. Franziska Walther: Authentizität hat so eine Besonderheit. Es ist nämlich ziemlich schwer, konkret zu beschreiben, was jemanden authentisch macht. Aber Menschen wissen sehr schnell, wenn etwas nicht authentisch ist. Das liegt daran, dass wir als soziale Wesen alle so ganz feine kleine Fühler haben. Und mit diesen Antennen erfühlen wir intuitiv, ob sich etwas echt, unverfälscht und glaubwürdig anfühlt oder eben nicht. Damit ein Mensch authentisch wirkt, müssen dabei alle Handlungen der Person in sich logisch und nachvollziehbar sein.
00:04:53: Dr. Franziska Walther: Es darf also keine Widersprüche geben. Gleichzeitig wirkt der Mensch aber auch nur dann authentisch, wenn er sich kongruent verhält. Und das bedeutet, dass die Körpersprache und das gesprochene Wort zusammenpassen. Sagt eine Person also, dass sie sich total selbstbewusst fühlt, aber gleichzeitig vermittelt die Körpersprache Unsicherheit, dann wirkt das weniger authentisch. Menschen checken also kontinuierlich, ob die Botschaften einer Person auch zu den Handlungen einer Person passen.
00:05:23: Dr. Franziska Walther: Und wir überprüfen auch die ganze Zeit, ob die Gefühle, die wir erkennen, mit den gesprochenen Botschaften, die die Person sagt, übereinstimmen. Erzeugt das regelmäßig und wiederholt ein in sich stimmiges Gefühl, dann empfinden wir das als authentisch. Deshalb gehört zum authentisch sein auch dazu, nicht nur die eigenen Erfolge zu feiern und die schönen Seiten zu zeigen, sondern auch das, was nicht klappt.
00:05:50: Dr. Franziska Walther: Denn alle Menschen haben Schattenseiten, fallen auch mal hin und fühlen sich auch mal schwach. Und das wissen wir alle tief in uns drin. Das verstecken zu wollen, macht dich sozusagen automatisch unauthentisch. Aber da gibt es noch die andere Seite der Medaille. Denn bei Authentizität gilt eben nicht: Viel hilft viel. Es ist überhaupt keine gute Idee, einfach alles immerzu zu teilen.
00:06:17: Dr. Franziska Walther: Und manchmal passiert es natürlich trotzdem. Dafür gibt es dann auch einen Begriff, und der heißt Oversharing. Oversharing hat viele Gesichter. Das passiert zum Beispiel, wenn zu viele intime Details geteilt werden oder wenn starke Emotionen zum Beispiel in Form einer emotionalen Schimpftirade öffentlich gemacht werden. Aber auch das ständige Einblick geben in alle Bereiche des Lebens in den sozialen Netzwerken gleitet schnell ins Oversharing ab.
00:06:46: Dr. Franziska Walther: Und ja, die Grenzen sind hier fließend und die Regeln sind nicht immer gleich. Und das macht es kompliziert. Beim Personenmarken-Aufbau bewegst du dich ja in der Sphäre von Geschäftsbeziehungen. Und ja, da kann es wirklich schnell zu intim werden. Hier gibt es ungeschriebene soziale Grenzen, die nicht überschritten werden wollen. Und falls es dann mal passiert im Business-Kontext, dann hinterlässt das bei deinen Kund*innen ein pelziges, unangenehmes und vielleicht auch peinlich berührtes Gefühl.
00:07:18: Dr. Franziska Walther: Und ja, das gilt es zu vermeiden. Aber wie gesagt, die Grenzen sind fließend. Und das sich authentisch zeigen ist eine wacklige Gratwanderung auf diesen fließenden Grenzen. Aber keine Sorge: Beim eloquenten Balancieren auf diesem Grat helfen dir so ein paar Unterscheidungen und eine Regel. Genau. Zuallererst ist es sinnvoll zu unterscheiden. Nämlich ganz klar zwischen deiner Kreativität, der Selbstständigkeit und deinem Marketing.
00:07:47: Dr. Franziska Walther: Mit deiner Kreativität darfst du grundsätzlich erst einmal alles. Kreativer Ausdruck ist ein Weg, mit dem du dem Licht und den Schattenseiten des Lebens Raum geben kannst, um sie zu verarbeiten und zu integrieren. Dabei ist der eigene Schmerz oftmals eine große Motivation für kreativen Ausdruck, weil der kreative Prozess Stress mindert, Selbstreflexion fördert und ,ja, auch heilen kann. Viele Bücher, Malereien, Theaterstücke und Songs sind durch emotionalen Schmerz entstanden bzw. durch die Verarbeitung des Schmerzes.
00:08:22: Dr. Franziska Walther: Und oftmals sind es gerade diese Werke, die besonders viel Resonanz in anderen Menschen auslösen. Denn Kunst kann dafür sorgen, dass wir uns weniger allein fühlen in der Welt. Dein kreativer Ausdruck hat also Platz für alles in dir, für deine Wut, für deinen Schmerz, deine Trauer. Aber eben auch für das Licht, die Freude und das Glück. Hier darf alles sein.
00:08:46: Dr. Franziska Walther: Daneben gibt es dann aber auch noch deine Selbstständigkeit. In der nutzt du auch deine Kreativität. In Auftragsarbeiten geht es aber vorrangig erst einmal nicht um dich, sondern um jemand anderen. Deine Kund*innen kommen zu dir, weil sie ein Problem haben, das du mit deiner kreativen Arbeit für sie lösen sollst. Hier braucht es also einen gewissen emotionalen Abstand, der dir erlaubt, auch die Bedarfe deines Gegenübers zu sehen, dich in deren Situation hineinzufühlen, gut zuzuhören, um dann am Ende eine angemessene, zweckmäßige Lösung für deine Kund*innen zu kreieren.
00:09:23: Dr. Franziska Walther: In Aufträgen ist also nicht mehr alles erlaubt. Hier bist du Dienstleister*in und deshalb braucht es hier eine Filterung. Wenn du in einem Kundengespräch sehr detailliert über die Probleme mit zum Beispiel deiner besten Freundin berichtest, dann wird das in den meisten Fällen relativ schnell als unprofessionell wahrgenommen werden. Aber wie viel hier angemessen oder zu viel ist, hängt auch von der Qualität der Geschäftsbeziehung ab.
00:09:50: Dr. Franziska Walther: Nach 20 Jahren Zusammenarbeit ist deutlich mehr Privates möglich, als wenn ihr euch gerade erst kennengelernt habt. Wie viel Persönliches du mit den Kontakten deiner Selbstständigkeit teilen kannst, hat also auch damit zu tun, wie gut dich die andere Person schon kennt. Und dann gibt es ja noch deine Akquise und dein Marketing. Und hier ist der Balanceakt auf dem Grat zwischen authentischem Auftreten und Oversharing am schmalsten.
00:10:17: Dr. Franziska Walther: Denn hier triffst du viele Menschen, die dich gerade erst kennenlernen. Auch richtet sich dein Marketing üblicherweise nicht nur an eine Person, sondern an ein breites Publikum. Hier kannst du also nicht individuell filtern. Und das bedeutet im Umkehrschluss: Das, was du teilst, muss für alle passen und okay sein. Deshalb gilt es hier ganz besonders aufmerksam und strategisch zu entscheiden, wie du sichtbar wirst und was du teilst.
00:10:47: Dr. Franziska Walther: Und ja, jetzt kannst du ja sagen: Na ja, dann spreche ich eben einfach in meinem Marketing einfach nur noch über meine Angebote und nicht mehr über mich. Ja, das geht. Aber die Krux ist ja, dass deine Personenmarken-Positionierung zu großen Teilen hier stattfindet. In deinem Marketing. Und zum Personenmarken-Aufbau gehört ein authentisches Sichtbarwerden mit dazu.
00:11:11: Dr. Franziska Walther: Es geht nicht ohne deine Haltung, ohne deine Werte, also ohne dich. Deshalb lass uns mal schauen, wie du herausfindest, was du teilst. Und zu allererst geht es hier um Themenfindung. Es ist ja sinnvoll, ganz bewusst zu entscheiden, über was du als Personenmarke sprechen willst. Die Richtung gibt dabei dein Angebot vor. Und was du mit deinem Angebot in der Welt bewirken willst.
00:11:34: Dr. Franziska Walther: Nicht alle Themen, die dich interessieren, haben auch damit zu tun. Und nicht alle Themen haben auch Relevanz für deine Kund*innen. Als Personenmarke möchtest du ja beauftragt werden und das wird nur passieren, wenn das, was du teilst, für deine potenziellen Kund*innen interessant ist und sie dadurch Vertrauen in deine Fähigkeiten aufbauen. Urlaubsfotos am Strand sind ja üblicherweise weniger zielführend.
00:11:59: Dr. Franziska Walther: Ein reflektierter Bericht vom letzten Branchentreffen dagegen schon. Aber wenn du die Urlaubsfotos vom Strand für eine Geschichte über Work Life Balance nutzt und deine Arbeit mit Work Life Balance zu tun hat, dann funktioniert das schon wieder. Thematisch triffst du hier also keine Schwarz-Weiß-Entscheidungen im Sinne von: Thema A geht immer und Thema B geht überhaupt nicht. Es ist vielmehr die Frage, wie du das Thema in den Kontext deiner Arbeit stellst.
00:12:27: Dr. Franziska Walther: Und ja, der Großteil von dem, was du in deiner Akquise und deinem Marketing machst, sollte zu deinen Angeboten leiten. Deshalb fragt ich jedes Mal: Wie verstärkt diese Geschichte, die ich hier teile, das Vertrauen meiner potenziellen Kund*innen in meine Fähigkeiten und meine Angebote? Und wenn du jetzt denkst: Mäh, Franziska! Heißt das also, dass ich nur Erfolge teilen darf? Wenn ich damit Kund*innen beeindrucken soll, dann heißt das das doch, oder?
00:12:55: Dr. Franziska Walther: Nee, gar nicht. Denn wie gesagt, das Teilen von Misserfolgen und Learnings macht dich authentisch. Aber beim Teilen der Schattenseiten spielt noch eine weitere Sache mit rein, nämlich das Timing. Und hier hilft dir die Unterscheidung zwischen Wunden- Themen und Narben-Themen. Wunden sind ja akut und brauchen eine unmittelbare Behandlung. Ein Wunden-Thema ist also etwas, was bei dir gerade aktuell und noch nicht verarbeitet ist.
00:13:26: Dr. Franziska Walther: Du bist emotional noch mittendrin und du hast keinen Abstand dazu. Narben dagegen sind verheilt. Die notwendige Behandlung hat hier stattgefunden und die Wunde ist verschlossen. Zwar sind die Spuren der Wunde noch sichtbar, aber hier ist nichts mehr akut. Ganz im Gegenteil. Hier hat Heilung stattgefunden. Narben zu teilen hilft beim Publikum. Denn Sie können von der abgeschlossenen Erfahrung einer anderen Person lernen.
00:13:55: Dr. Franziska Walther: Deine Narben machen dich auch authentisch und verstärken das Vertrauen in dich, weil sie Einblick geben in das, was du schon bewältigt hast. Sie sind oft auch eine Erklärung dafür, warum dir bestimmte Dinge so wichtig sind, dass du sie in deiner Rolle als Personenmarke ständig öffentlich sichtbar macht und darüber sprichst. Anders ist das bei Wunden-Themen. Vor allen Dingen, wenn du darüber in deiner Akquise und in deinem Marketing sprichst.
00:14:19: Dr. Franziska Walther: Denn eine Wunde aktiviert und stresst dein Gegenüber schnell. Einige wollen hier vielleicht gleich den Krankenwagen rufen. Und andere fühlen sich überrumpelt und ja, vielleicht sogar ein bisschen benutzt, weil ihnen durch das Teilen der Wunde eine gewisse Verantwortung übergestülpt wird. Ganz anders ist es dagegen mit den Wunden in deinem kreativen Ausdruck und in deinem kreativen Prozess. Das ist ja erst einmal etwas Privates und das kann dir helfen, die Wunde zu versorgen und heilen zu lassen.
00:14:51: Dr. Franziska Walther: Und später dann, wenn die Wunde dadurch eine Narbe geworden ist, also geheilt ist, dann zeigt sich ab und an, dass der Prozess der kreativen Verarbeitung ein Werk hervorgebracht hat, mit dem besonders viele Menschen in Resonanz gehen. Das ist dann vielleicht ein Roman, ein Comic, eine Gedichtsammlung, ein Song, ein Ölgemälde, eine Skulptur aus Kastanien, 100 Papier-Kraniche oder ein gehäkelte Schal.
00:15:16: Dr. Franziska Walther: Für das Heilen der Wunde ist der Prozess wichtig, nicht das Ergebnis. Aber eben manchmal kommt dann doch ein schönes Ergebnis dabei raus. Übrigens: Die Metapher der Wunde und der Narbe habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Die kommt von der US-amerikanischen Podcasterin Amy Porterfield. Und ja, ich finde diese Metapher extrem hilfreich, denn es lässt sich eine ganz einfache Regel davon ableiten. Und die Regel ist: Ist es eine akute Wunde, dann nicht teilen.
00:15:44: Dr. Franziska Walther: Du kannst dich also jedes Mal, wenn du etwas öffentlich teilen willst, fragen, ob das gerade eine offene Wunde oder eine Narbe ist. Eine Wunde fühlt sich akut und existenziell an, sie ist mit starken Emotionen verbunden und du bist aktiviert und im Überlebensmodus. In diesem Fall gilt: Warten. Wenigstens mal eine Nacht drüber schlafen, wenn nicht vielleicht sogar zwei oder drei. Oder fünf Wochen.
00:16:09: Dr. Franziska Walther: Und ja, vielleicht merkst du dann, dass es Themen gibt, bei denen die Wunde sich nicht schließt, trotz des Wartens und des Mehrfach Drüberschlafens. Vielleicht bleibt das Thema monatelang, jahrelang akut. Dann brauchst du Unterstützung. Aber eben nicht in Form von öffentlicher Teilhabe, sondern ganz privat. Wenn zum Beispiel Teile deiner Vergangenheit schmerzhaft sind und dich heute noch stark belasten, dann braucht es einen geschützten und privaten Raum, um in Sicherheit verarbeitet werden zu dürfen.
00:16:41: Dr. Franziska Walther: Ich selbst habe ja viele Jahre Therapie gemacht und ohne die würden sich für mich viele meiner heutigen Podcast-Themen akut und existenziell bedrohlich anfühlen. Hier im Podcast berichte ich ja regelmäßig auch von meinem Scheitern, von Dingen, die nicht geklappt haben und von meinen Unzulänglichkeiten. Die dadurch entstehende Verletzlichkeit hätte ich früher nicht halten können. Aber heute kann ich meine Geschichte selbst in mir drin halten.
00:17:08: Dr. Franziska Walther: Und das ist die Grundvoraussetzung, um die eigene Geschichte öffentlich zu erzählen und sichtbar zu machen. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass du alle Narben deiner Geschichte teilen musst. Erstens passen bestimmt nicht alle zu deinen Angeboten und zu dem, was du in der Welt bewirken willst. Und zweitens bedeutet authentisch auftreten auch, die eigenen Grenzen zu respektieren und auf die eigenen Gefühle zu achten.
00:17:36: Dr. Franziska Walther: Wenn sich was falsch anfühlt, dann musst du erst einmal gar nichts. Deshalb habe ich ja auch so lange über die Folge 110 nachgedacht, darüber, ob ich sie überhaupt machen will und wenn ja, warum. Und zu guter Letzt gab es für mich zwei gute Gründe dafür. Grund Nummer eins war: Ich wollte psychische Erkrankungen in der kreativen Selbstständigkeit normalisieren, denn für so viele Kolleg*innen sind sie Alltag.
00:18:02: Dr. Franziska Walther: Und ich weiß das, denn bei mir ist das ja auch so. Und dann war da noch Grund Nummer zwei. Es war mir auch wichtig zu zeigen, dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt. Als ich mit Anfang 20 für mehrere Monate in eine Klinik gegangen bin, um meine erste Therapie zu beginnen, hätte ich mir nicht vorstellen können, wie sich mein Leben dadurch positiv verändern würde.
00:18:21: Dr. Franziska Walther: Und ich glaube auch, dass vieles von dem, was ich in den letzten 20, 25 Jahren erreicht habe, nicht trotzdem gekommen ist, sondern gerade deshalb. Denn oftmals werden unsere größten Wunden zu unseren größten Stärken, also zu den stärksten Narben. Wenn wir sie heilen, verarbeiten und integrieren können. Und deshalb hier heute meine konkrete Frage an dich: Was möchtest du denn in der Welt bewirken?
00:18:49: Dr. Franziska Walther: Was möchtest du mit deiner Arbeit verändern? Und wie kannst du deine eigene Geschichte und vor allen Dingen all das, was du gelernt hast, deine Narben, dazu nutzen? Und hier auch noch mal der CheckIn zu vorhin: Ist das vielleicht das gleiche Thema, was vorhin bei dir schon einmal aufgeploppt ist? Ja, das sind die Fragen für heute. Wenn diese Folge heute etwas Positives mit dir gemacht hat, dich inspiriert hat und dir Mut gegeben hat, dann freue ich mich darüber wie ein Schneekönig.
00:19:17: Dr. Franziska Walther: Und ich danke dir sehr, wenn du dem Podcast deshalb eine positive Bewertung schenkst oder die heutige Folge weiterempfiehlst an eine Person, der diese Folge auch helfen würde. Damit unterstützt du meine Arbeit – so viel mehr als dir wahrscheinlich bewusst ist – und ich danke dir wirklich von Herzen dafür. Und damit wünsche ich dir für heute alles Liebe. Wir hören uns wieder nächste Woche.
00:19:39: Dr. Franziska Walther: Ich freue mich auf dich. Bis dahin. Tschüss.
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